Buchauszug: Die Netzwerkbibel von Tijen Onaran

Buchauszug: Die Netzwerkbibel von Tijen Onaran

  11 Feb 2019


Netzwerken hat ein schlechtes Image – schnell ist von undurchsichtigen Seilschaften die Rede, angestrengtem Small Talk auf Veranstaltungen und Karrieristen, die nur danach schauen, wer ihnen etwas bringt und wer nicht. Dabei lebt gutes Netzwerken von nachhaltigem Beziehungsaufbau und ermöglicht Zugang. Zugang zu Wissen, Chancen und Menschen, die alle Talente mitbringen, die man selbst nicht hat. Die Anzahl der Kontakte sowie die Position des Gegenübers entscheidet dabei nicht über den Erfolg eines nachhaltigen Netzwerks, vielmehr zählen Themen, die verbinden, Verbindlichkeit und Erwartungsfreiheit. 

Ich habe ein Buch geschrieben („Die Netzwerkbibel – zehn Gebote für erfolgreiches Networking“), das sich an Menschen richtet, die ein Netzwerk aufbauen, ausbauen und regelmäßig pflegen möchten – und darum geht es: um nachhaltiges sowie digitales Netzwerken, Vertrauen beim Netzwerken, Netzwerkformate, die sich in den Alltag integrieren lassen und Netzwerktypen, die einem auf jeder Veranstaltung begegnen. Und ich räume mit Vorurteilen auf: Zum Beispiel stelle ich fest, dass Introvertierte oft die besseren Netzwerker sind – und ich gebe im Kapitel „Introvertiert ist der neue Türöffner“ Tipps, wie netzwerken können, ohne sich verstellen zu müssen.

Kürzlich wurde ich bei einem Networking-Event mit dem Satz angesprochen: „Hallo, darf ich dich ansprechen? Das ist nämlich heute meine persönliche Challenge!“ Nachdem ich meine anfängliche Verwunderung über die Intro überwunden hatte, entwickelte sich aus der Begegnung ein sehr nettes Gespräch.

Wie sich herausstellte, hielt sich die Person, die mich angesprochen hat, für introvertiert – auch wenn sie eigentlich in dem Moment bereits das Gegenteil bewiesen hat. Sie hatte sich vorgenommen, etwas dagegen zu unternehmen – was ihr damit auch sehr erfolgreich gelungen ist. Ehrlich gesagt habe ich großen Respekt vor Menschen, die es trotz ihrer Veranlagung schaffen, ihre Ängste und Unsicherheiten zu überwinden und Mut beweisen. Denn es gehört schon etwas Mut dazu, sich bei Veranstaltungen, bei denen man niemanden kennt, einfach so in eine Runde dazuzustellen, sich vorzustellen und mitzusprechen.

Verbindlichkeit ist der Schlüssel

Um es zunächst einmal klarzustellen: Introvertiert zu sein ist nichts, wofür man sich schämen müsste, es ist nicht mal eine Schwäche. Genau genommen ist Introvertiertheit sogar eine unterschätzte Eigenschaft, die besonders fürs Networking wertvoll ist.

Zudem ist diese Eigenschaft zum einen sehr verbreiteter als man vielleicht glauben möchte und zum anderen hindert sie Menschen nicht daran, Erfolg zu haben. Das Buch von Susan Cain „Still: Die Kraft der Introvertierten“ untersuchte als eines der ersten dieses Phänomen genauer. Dabei geht sie sowohl auf die neusten Erkenntnisse der Hirnforschung ein als auch auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen – „Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde“ [1]. Zudem identifiziert sie erfolgreiche Introvertierte und nennt Personen wie Gandhi, Darwin, Einstein oder auch Bill Gates.

Tipp: Wenn du dich schwer damit tust, Menschen anzusprechen, nimm dir bei jeder Veranstaltung vor, wenigstens eine Person anzusprechen. Du wirst sehen, dass es gar nicht so schwer ist – und mit der Zeit wird es immer einfacher!

Never lunch alone

Übung macht den Meister. Willkommen bei den größten Hits der Volksweisheiten. Wie so oft stimmt es in diesem Fall aber wieder mal. Wer sich selbst als introvertiert beschreiben würde und denkt, dass er kein Talent hat, bei Events Small Talk zu führen, sollte sich an ein paar prominente Stellen ein Post-it kleben, auf dem steht „Never lunch alone!“ [2]. Selbst wenn ein Gespräch mal nicht so gut laufen sollte, ist das kein Problem – ein Mittagsessen dauert maximal eine Stunde, hat ein „natürliches“ Ende, weil man nun mal irgendwann einfach mit dem Essen fertig ist und in der Regel hat man Anschlusstermine, zu denen man muss.

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Zudem gibt es eigentlich immer genug Gesprächsstoff , wenn ansonsten das Gespräch nicht so richtig in Gang kommt. „Das Wetter ist schön, toll, dass man draußen sitzen kann“, „Was isst du sonst gerne?“, „Kennst du das Restaurant X schon?“, und und und… Wenn du das fünfmal die Woche machst, wirst du nach der kürzesten Zeit sehen, wie bereichernd diese Institution ist.

Jeden Tag eine neue Geschichte, jeden Tag ein neuer potenzieller Kontakt und vielleicht kannst du dem Lunch- Date von Mittwoch dein Lunch-Date von Montag empfehlen, weil sie beide zufällig an einem gemeinsamen Thema arbeiten. Und zack, bist du mitten drin im Networking-Geschehen. Kleiner Nebeneffekt: Du lernst die tollsten Restaurants in deiner Umgebung und deiner Stadt kennen und kannst deine Erfahrungen mit deinen Followern auf Instagram teilen!

Warum Introvertierte die besseren Gesprächspartner sind

Meine These ist, dass introvertierte Menschen allein deswegen die besseren Gesprächspartner sind, weil sie von ihrem Wesen her oft viel empathischer sind als extrovertierte Menschen. Wer von Grund auf selbstsicher und extrovertiert auftritt, macht sich häufig weniger Gedanken darüber, was andere denken, welche Themen für sie wichtig sein könnten oder ob es Berührungspunkte zu den eigenen Standpunkten gibt.

Schon allein deswegen, weil die Dynamik eines Gesprächs eine andere ist. Damit fängt es aber erst so richtig an. Sylvia Löhken listet in ihrem Buch „Leise Menschen – starke Wirkung“ [3] eine ganze Reihe von Eigenschaften auf, die Introvertierte auszeichnet und die ihnen Vorteile bringen, dazu gehören ein gewisse Vorsicht, Konzentrationsfähigkeit, analytisches Denken, Einfühlungsvermögen.

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Im Gegensatz dazu gibt es laut Löhken allerdings auch eine Reihe von Eigenschaften, die introvertierte Menschen daran hindern können, das zu tun, was sie gerne möchten, wie etwa Angst, Passivität, Übersimulation und Verkopftheit.

Gerade diese Hemmnisse halten Introvertierte manchmal davon ab, Situationen zu nutzen, die ihnen einen Vorteil bringen würden. Networking nimmt hier insofern eine Sonderstellung ein, weil viele Events und Gelegenheiten diverse Trigger bereithalten, die Eigenschaften wie die Tendenz zur Kontaktvermeidung, Passivität oder gleich den Fluchtreflex auslösen. Darum gilt: Vorbereitung ist alles! In der Regel ist bei Events im Vorfeld klar, um welche Inhalte es gehen wird.

Perfekt für analytisch veranlagte Menschen wie Introvertierte, die sich zudem noch gut konzentrieren können! Wer sich vorab mit den Inhalten beschäftigt, wird sehr leicht Zugang zu den Teilnehmern finden und bei Gesprächen mitreden können. Mehr noch: Da sich introvertierte Menschen in der Regel intensiver mit den Themen beschäftigen, werden ihre Standpunkte sehr viel differenzierter und fundierter sein, was es umso interessanter macht, sich mit ihnen darüber auszutauschen. Introvertierte sind die besseren Gesprächspartner!

Warum Introvertiertheit keine Ausrede ist

Auch Devora Zack betont in ihrem Buch „Networking für Networking-Hasser“, dass das Networking, das Introvertierte betreiben, tatsächlich nachhaltiger ist. Die Fähigkeit, bei Veranstaltungen offen auf Menschen zuzugehen, mache einen nicht automatisch zum guten Netzwerker. Entscheidend ist der nächste Tag. Was machst du aus einem Treffen? Was machst du für deine Kontakte? Die Antwort auf diese Frage hat nichts damit zu tun, ob du introvertiert oder extrovertiert bist. Zack betont aber nicht nur, welche Bedeutung die Nachbereitung hat, sondern hat auch einige wertvolle Tipps für die Vorbereitung parat.

Never lunch alone!

Allein im Restaurant: So isst man im Restaurant für Introvertierte

Sie empfiehlt Introvertierten beispielsweise, sich freiwillig als Helfer für Veranstaltungen und Events zu melden. So hast du eine feste Funktion, bist vielleicht sogar Ansprechpartner für die Teilnehmer und verfügst über Informationen, die es dir einfacher machen, Menschen anzusprechen. Und noch einen weiteren praktischen Hinweis von Zack finde ich extrem hilfreich: Introvertierte kommen oft gezielt zu spät zu einer Veranstaltung, weil sie glauben, dass sie so unangenehmen Situationen aus dem Weg gehen.

Anknüpfungspunkte sind wichtig

Dieses Verhaltensmuster sollte man unter allen Umständen durchbrechen. Allein aus dem Grund, weil man das Gegenteil von dem erreicht, was man sich eigentlich davon erhofft. Wenn du zu spät kommst, bist du erst recht die Person, von der niemand etwas weiß und auch du weißt von niemandem etwas. Ganz anders sieht es aus, wenn du zu den ersten gehörst, die da sind. Du hast ausreichend Zeit für Gespräche, andere kommen eher auf dich zu und du hast später einen Punkt, an dem du anknüpfen kannst.

Jetzt kommt die schlechte Nachricht – ja, ihr habt es gewusst: all das sind Vorteile, aber das macht es nicht einfacher, sich zu überwinden, um rechtzeitig zu Veranstaltungen zu gehen. Wahrscheinlich werden introvertierte Menschen sich sogar immer schwerer tun, ihre instinktive Hemmung zu überwinden und der einzige Trost, den ich euch anbieten kann, ist nur, dass diese Strategie tat- sächlich mehr Vorteile bietet als die intuitiv „richtige“.

Und im Nachgang ist es sehr viel leichter, Kontakte zu pflegen, wenn man mehr Anknüpfungspunkte hat und weil man längere, entspannte Gespräche geführt hat.

Warum Introvertierte unbedingt mit dem Netzwerken anfangen sollten

Zum Netzwerken gehört Mut. Es ist nicht einfach, sich mit seiner Meinung und seinen Überzeugungen in der Öffentlichkeit zu positionieren. Wer sichtbar wird, macht sich angreifbar. Es gehört auch Mut dazu, jemanden anzusprechen, den oder die man überhaupt nicht kennt. Letzteres wird wie gesagt einfacher, wenn du gut vorbereitet bist. „Ich habe deinen Text über das Thema X gelesen und finde, dass du total recht damit hast!“ oder „Dein Vortrag war wirklich super, aber zu einem Punkt muss ich dir unbedingt noch was sagen…“ Situationen, die vielleicht ohne so einen Opener unangenehm sein könnten, werden sich zu einem ganz natürlichen Gespräch entwickeln.

Gerade am Anfang und gerade für Introvertierte gehört darum besonders viel Überwindung zum Netzwerken dazu. Aber, und hier kommt auch mal am Ende doch noch eine gute Nachricht: Networking selbst ist die Therapie! Je öfter man es schafft, die eigenen Ängste zu überwinden, je mehr man also ins Networking investiert, desto besser werden die Beziehungen, die man aufbaut, desto größer wird das Vertrauen in diese Beziehungen und das Vertrauen in sich selbst und die eigenen Fähigkeiten. Wer also in Zukunft sagt „Ich bin nicht fürs Netzwerken gemacht, weil ich introvertiert bin“ muss gerade aus diesem Grund mit dem Netzwerken anfangen.

Challenge: Vorbereitung ist alles

Nimm dir vor, eine Veranstaltung zu besuchen und dort eine Person kennenzulernen, die dein Netzwerk sinnvoll erweitern könnte. Die Schwierigkeit dabei ist, nicht einfach irgendjemand zufällig anzusprechen. Bereite dich vielmehr vor. Das Geheimnis bei der Sache ist, einen gesunden Mix aus Planung und Zufall zu finden. Bestimmte Dinge solltest du bei der Planung aber unbedingt beachten.

Frage dich, wer die Zielgruppe der Veranstaltung ist, wer kommt potenziell dorthin – manchmal gibt es sogar vorab Teilnehmerlisten online. Informiere dich über die Referentinnen und Referenten und recherchiere, zu welchen Themen sie sprechen und finde deine eigene Haltung dazu. Dann kommt der Zufall ins Spiel, dem du auf jeden Fall bewusst Raum geben solltest, um selbst entspannt an die Sache heranzugehen.

Du wirst sehen, so lernst du Menschen bei Veranstaltungen kennen, die du vielleicht gar nicht auf dem Schirm hattest, und bist offen für Begegnungen mit diesen.

Literatur

  1. Cain S (2011) Quiet. The power of introverts in a World that can’t stop talking. Crown Publishing Group, New York. Deutsch: Dies. (2013) Still. Die Kraft der Introvertierten. Goldmann, München
  2. Ferrazzi K (2014) Never eat alone: and other secrets to success, one relationship at a time. Currency, New York
  3. Löhken S (2015) Leise Menschen – starke Wirkung. Wie sie Präsenz zeigen und Gehör  finden. Piper, München
  4. Zack D (2010) Networking for people who hate networking: a eld guide for introverts, the overwhelmed, and the underconnected. Berret-Koehler Publishers, San Francisco. Deutsch: Dies. (2012) Networking für Networking-Hasser: Sie können auch alleine essen und erfolgreich sein. Gabal. Offenbach
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Quelle: Springer

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