Luftverschmutzung: Feinstaub erhöht Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall

Luftverschmutzung: Feinstaub erhöht Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall

  14 Mar 2019


Eine neue Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Universität Mainz, die im „European Heart Journal“ veröffentlicht wird, kommt zu erschreckenden Ergebnissen. Demnach ist das Sterblichkeitsrisiko durch verdreckte Luft viel höher als bislang angenommen. Die Hauptursache: Feinstaub. Ein Interview mit den beiden Hauptautoren Jos Lelieveld und Thomas Münzel.

WELT: Herr Lelieveld, Herr Münzel, Sie korrigieren mit Ihrer Studie alte Zahlen deutlich nach oben. Bislang ging man davon aus, dass weltweit pro Jahr 4,5 Millionen Menschen an den Folgen verschmutzter Luft sterben. Sie sagen jetzt: Es sind 8,8 Millionen. Das ist ja fast das Doppelte!

Jos Lelieveld: Ja. Die Ergebnisse haben uns selbst überrascht.

WELT: Wie kommen Sie denn auf diese hohe Zahl? Immerhin haben Sie selbst erst im letzten Jahr eine Untersuchung veröffentlicht, die auf niedrigere Zahlen kommt.

Lelieveld: Das stimmt. Damals haben wir mit den verfügbaren Daten gerechnet, die stammten aus 2014. Seit Oktober 2018 gibt es aber einen neuen Forschungsstand. Im Fachmagazin „PNAS“ ist eine groß angelegte Studie erschienen, die mehr als 40 große Studien zusammenfasst und Daten aus 16 Ländern berücksichtigt. Auf dieser Grundlage haben wir noch einmal neu gerechnet. Dass die früheren Daten veraltet sind, hat einen ganz einfachen Grund: Die Luft ist in manchen Weltgegenden besser geworden. Früher konnte man zum Beispiel die Auswirkungen von leichter Luftverschmutzung auf die Gesundheit nicht untersuchen, weil Daten einfach nicht verfügbar waren. In den USA aber hat sich die Luftqualität nach der Einführung strenger Grenzwerte so verbessert, dass Wissenschaftler inzwischen auch das untersuchen können. Das Gleiche gilt für Daten aus Ländern mit stark verschmutzter Luft, zum Beispiel China und Indien. Inzwischen haben wir auch Untersuchungen aus diesen Weltregionen.

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WELT: Und zu welchen Ergebnissen sind Sie – neben der Zahl der Todesfälle – gekommen?

Thomas Münzel: Verschmutzte Luft ist verantwortlich für mindestens genauso viele Todesfälle wie Rauchen, vermutlich sogar für mehr. Sie ist damit einer der größten Risikofaktoren für die Gesundheit. Fürs Rauchen entscheidet man sich ja außerdem freiwillig. Dreckiger Luft ist man unfreiwillig ausgesetzt.

WELT: Wie wirkt sich dreckige Luft denn auf die Gesundheit aus?

Münzel: Feinstaub generiert freie Radikale in den Gefäßen und aktiviert so Enzymsysteme ähnlich denen, die an der Entstehung von Diabetes und Bluthochdruck beteiligt sind. Das führt dazu, dass Artherosklerose – also Arterienverkalkung – schneller fortschreitet. Außerdem verstärkt Feinstaub Stress- und Entzündungsreaktionen im Körper. Das alles trägt dazu bei, dass das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich steigt. Wir wissen aus Studien, dass hohe Konzentrationen von Feinstaub einen Infarkt sogar triggern können. Wer ohnehin gefährdet ist und dann einer hohen Feinstaubkonzentration ausgesetzt, für den steigt das Herzinfarktrisiko dramatisch. Auch das Risiko für Krebs und für Lungenerkrankungen wie COPD und Lungenentzündung steigt, aber weniger stark.

Thomas Münzel (l.) und Jos Lelieveld

Thomas Münzel (l.) ist Professor für Kardiologie an der Universität Mainz. Jos Lelieveld ist Atmosphärenchemiker und Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie

Quelle: Universitätsmedizin Mainz

WELT: Nun kann man ja nicht sehen, was der Auslöser für zum Beispiel einen Herzinfarkt war.

Münzel: Genau. Das ist das Tückische. Niemand fällt tot um, weil er an einer stark befahrenen Straße entlanggeht. Aber auf Dauer summieren sich die Risikofaktoren. Wer ohnehin schon ein erhöhtes Risiko für koronare Herzerkrankungen hat – wegen Diabetes, Bluthochdruck oder einem erhöhten Cholesterinspiegel – für den steigt es weiter. Und auch für völlig gesunde Menschen erhöht es sich.

WELT: Aber es gibt ja auch andere Risikofaktoren, zum Beispiel Rauchen.

Lelieveld: Natürlich. Solche Risikofaktoren haben wir mit einbezogen. Grundlage waren epidemiologische Daten, also Langzeitstudien, die zum Teil seit den 60er-Jahren laufen. Krankheitskategorien und Alter sind also mit eingerechnet. Wir haben für unsere Untersuchung die regionale Belastung der Luft ermittelt und sie verknüpft mit epidemiologischen Daten: Krankheiten, Bevölkerungsdichte, Todesursachen.

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WELT: Was bedeutet das Ergebnis konkret?

Münzel: In Europa sterben jedes Jahr 133 Menschen pro 100.000 Einwohner vorzeitig an verschmutzter Luft. Im Durchschnitt gehen jedem Europäer wegen Luftverschmutzung zwei Lebensjahre verloren. In Deutschland sind es sogar 2,4.

WELT: Deutschland liegt über dem Durchschnitt?

Lelieveld: Ja. Der Wert wäre sogar noch schlechter, wenn die medizinische Versorgung hier nicht so gut wäre. Europa insgesamt liegt schon über dem Durchschnitt. Der globale Wert sind 120 vorzeitige Todesopfer auf 100.000 Einwohner.

WELT: Aber ist die Luft in Deutschland wirklich so viel schlechter als anderswo?

Lelieveld: Es kommt natürlich darauf an, mit welcher Region der Welt Sie sie vergleichen. Für Westeuropa hat Deutschland einen ziemlich schlechten Wert.

WELT: Weil Grenzwerte nicht eingehalten werden?

Lelieveld: Nein. Was Feinstaub betrifft, hält Deutschland sich recht gut an die EU-Grenzwerte. Bloß sind die Grenzwerte eben nicht streng genug. Das Land ist zudem dicht besiedelt. Darum gibt es relativ viel Verkehr und viel Industrie. Auch Heizen spielt eine Rolle: Kleinfeuerungsanlagen zum Beispiel stoßen viel Feinstaub aus. Der wichtigste Faktor ist aber die Nutzung von fossiler Energie, und der zweitwichtigste ist die Landwirtschaft.

WELT: Was hat die damit zu tun?

Lelieveld: Landwirtschaftliche Großbetriebe produzieren viel Gülle. Die wird wieder auf die Felder aufgebracht. Das dabei entstehende Reizgas Ammoniak reagiert mit Stickoxiden aus Energiewirtschaft und Verkehr und verbindet sich so zu Feinstaub.

WELT: Landluft ist also gar nicht gesünder als Stadtluft?

Lelieveld: Nicht unbedingt. Das Wort Feinstaub führt ohnehin in die Irre. Man denkt, dass es sich tatsächlich um Staubteilchen handeln würde. Dabei sind es eigentlich winzige Tröpfchen, ein Gemisch von Stoffen in der Atmosphäre, die sich verbinden.

Münzel: Größere Feinstaubteilchen stammen häufiger aus dem Verkehr, zum Beispiel aus dem Bremsabrieb von Reifen. Feinstaub ist dabei für die Herzgesundheit übrigens ein größeres Problem als Stickoxide (wie NO2, d. Red.). Wir wissen heute, dass zum Beispiel die Inhalation von Dieselabgasen zu einer Gefäßfunktionsstörung führt, die durch Feinstaubfilter komplett behoben werden kann. Das heißt, NO2, das durch die Filter geht, schädigt zumindest im Akutversuch die Gefäße nicht. Gleiches gilt für NO2-Inhalationen, wo die Gefäße komplett unbeeindruckt bleiben. Das heißt für mich, dass der Feinstaub eine drastisch höhere gefäßschädigende Wirksamkeit besitzt als das NO2.

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WELT: Stickstoffoxid-Emissionen stammen vor allem aus Dieselmotoren. Dafür gibt es bereits recht strenge Grenzwerte, die allerdings in Deutschland oft überschritten werden. Sagen Sie jetzt, das sei nicht so wichtig?

Münzel: Nein, da haben Sie mich falsch verstanden. Stickstoffoxid ist schädlich, vor allem für die Lunge. Es ist außerdem ein Vorläufer von Feinstaub, da es sich in der Luft mit anderen Teilchen zu Feinstaub verbinden kann. Aber die Akuteffekte, wie oben schon erwähnt, zeigen uns klar: Feinstaub ist für unser Herz-Kreislauf-System als deutlich schädlicher einzuschätzen.

WELT: Kürzlich gab es ja große Aufregung, weil 107 Lungenärzte sich gegen Grenzwerte von Stickoxid und Feinstaub wandten. Was sagen Sie dazu?

Münzel: Inzwischen ist ja klar, dass sie sich verrechnet haben. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie rechnet damit, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Empfehlungen für die Grenzwerte für Stickoxide sogar noch einmal verschärfen wird. Das wäre auch wichtig. Aber es gibt eben ein weiteres, größeres Problem. Und das ist der Feinstaub. Neue Studien haben gezeigt, dass die schädliche Wirkung von Dieselabgasen speziell aufs Herz kaum mehr vorhanden ist, sobald ein guter Feinstaubfilter eingebaut wird.

WELT: Wären bessere Feinstaubfilter also die Lösung?

Münzel: Wenn wir unsere Gesundheit schützen und weniger Lebensjahre verlieren wollen, reicht das nicht aus. Dann müssen wir weg von den fossilen Brennstoffen. Nicht nur beim Autofahren und Fliegen, sondern auch bei der Energieerzeugung.

WELT: Das Gleiche fordern Klimaforscher.

Münzel: Ja, weil bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe eben auch Treibhausgase entstehen. Wenn wir die Klimaziele von Paris erreichen wollen, müssen wir ohnehin damit aufhören. Gleichzeitig schützen wir uns so vor Herzkrankheiten. Feinstaub muss außerdem als einer der entscheidenden Risikofaktoren für die Entstehung koronarer Herzerkrankungen in die Leitlinien der Deutschen und der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie aufgenommen werden. Das hätte indirekten Einfluss auf politische Entscheidungen, die sich daran orientieren. Die Politik muss unbedingt strengere Grenzwerte einführen.

WELT: Haben wir die noch nicht?

Lelieveld: Nein. Die WHO empfiehlt für besonders kleinen Feinstaub, PM 2,5 genannt, einen Grenzwert von zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. In der EU gilt aber ein Grenzwert von 25 Mikrogramm, der bis 2025 auf 20 Mikrogramm abgesenkt werden soll. Das ist immer noch viel zu hoch.

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WELT: Und anderswo ist es besser?

Münzel: In vielen Teilen der Welt schon. In den USA zum Beispiel liegt der Grenzwert bei 15 Mikrogramm pro Kubikmeter, in Kanada und der Schweiz bei zehn, in Australien sogar nur bei acht.

WELT: Woran liegt es, dass die Grenzwerte so unterschiedlich sind?

Lelieveld: Das sind politische Entscheidungen. Die WHO kann nur Empfehlungen abgeben. Die beruhen allerdings auf sehr, sehr vielen wissenschaftlichen Studien. Es gilt als erwiesen, dass Feinstaub der Gesundheit schadet. Man kann darüber diskutieren, was man mit unseren Ergebnissen macht. Es kann ja auch Gründe geben, sich gegen schärfere Grenzwerte zu entscheiden. Nur muss man wissen, dass wir Europäer dadurch viele Lebensjahre verlieren.

WELT: Aber anderswo ist die Luft noch viel schlechter.

Lelieveld: Ja. In Indien zum Beispiel sterben jedes Jahr fast zwei Millionen Menschen vorzeitig wegen schlechter Luft. In manchen indischen Städten, ebenso wie in vielen chinesischen, ist die Luft extrem schlecht. Wenn man aber die Bevölkerungszahl mit einberechnet und die schlechtere medizinische Versorgung, sind die Unterschiede gar nicht mal so groß. Außerdem hilft es uns ja nicht weiter, zu wissen, dass anderswo die Luftqualität noch schlechter ist.

Münzel: Eben. Wir müssen uns fragen: Ist unsere Luft gut? Die klare Antwortet lautet leider: nein.



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