Der junge und der alte Brecht, und wir | ZEIT ONLINE

Der junge und der alte Brecht, und wir | ZEIT ONLINE

  15 Mar 2019


Dann kommt er also endlich im Ersten, und zwar am 22. und am 29. März, von
viel öffentlich-rechtlichem Selbstlob begleitet und sogar auf der Berlinale präsentiert:
Heinrich Breloers zweiteiliger
Brecht-Film, das Dokudrama vom Leben eines deutschen
Autors, der immer mehr zum Klassiker wird, ohne dass man sagen könnte, warum genau. Aber diese
Unklarheit wiederum ist wohl Voraussetzung für den endgültigen Einzug in die Ruhmeshalle.

Breloers Zweiteiler ist sehenswert ohne Abstriche, es ist solides bildungsbürgerliches TV, das interessante Zeitzeugen zu Wort kommen lässt und seltenes historisches Filmmaterial aufgreift. Vor allem überzeugt es mit gelungenen Spielszenen – Tom Schilling gibt den jungen, Burghart Klaußner den alten Brecht, Adele Neuhauser eine wunderbare Helene Weigel. Die Jahre im amerikanischen Exil fehlen, das Geld reichte nicht für eine eigene Folge, heißt es, aber das lässt die beiden realisierten Teile umso mehr in Spannung zueinander treten. Die Zeitlücke macht neugierig.

Der erste Teil konzentriert sich auf das frühreife Genie in seiner Eigenschaft als knäbischer Liebhaber und Erfolgsmensch, der zweite Teil zeigt den überreifen Liebhaber und Theatermacher am Ziel alter Träume – freilich um den Preis, dass seine Kunst nun von einer Politik eingerahmt wird, die sich mit ihm in Szene setzen will. Vier Jahrzehnte umgreift die filmische Erzählung, und der Zuschauer muss schließlich selbst entscheiden, ob dieser Brecht, in dem viele Männer steckten, am Ende auch ein einziger war.

Heinrich Breloer bastelte viele Jahre an seinem Projekt. Es war sein Glück, dass er Anfang der Siebziger schon einmal eine Dokumentation über den Autor drehen wollte. Damals interviewte er viele, die heute nicht mehr leben, Paula Banholzer beispielsweise, die erste Liebe, die treue Elisabeth Hauptmann oder den Bruder Walter. Ihre Stimmen ebnen auf faszinierende, beinahe schon irritierende Weise die Distanz zu jemandem ein, der auf den ersten Blick sehr historisch wirkt, vielleicht weil er die Rolle des Originalgenies noch einmal ganz selbstverständlich in Anspruch nahm.

An Brecht ist beinahe alles Provozierende vergangen, seine Belehrungswut ebenso wie seine politischen Irrtümer. Vergangen ist das, wogegen er provozierte, preußischer Militarismus, deutsches Spießertum, gemütserhebende Kunst. Der real existierende Sozialismus hat sich verflüchtigt, und sogar der Kapitalismus ist nicht mehr wie zu Brechts Zeiten.

Doch bleibt ein Schatten: Ihn wirft der Erotiker und Erotomane. Nach heutigen Maßstäben ist b.b. gewissermaßen das prototypische Feindbild der #MeToo-Bewegung, der den Ur-#aufschrei auslösende weiße alte Mann. Übergriffe in der Aureole der autonomen Kunst werden heute keinem Künstler mehr zugestanden. Brecht hingegen blieb bis zuletzt ein großer baalscher Vernascher – also auf den Index mit ihm?

Breloer inszeniert seine Figur 180 Minuten lang als begehrenden Mann. Der ist nicht besessen, aber entschlossen. Theater ist für ihn Körperpraxis. Seine Frauen sprechen darüber im Interview sachlich. Sie erinnern sich an eine Befreiung, an eine Freisetzung ihrer eigenen Kreativität in jungen Jahren, obwohl sie an den Umständen nichts beschönigen.

Solche Ambivalenzen arbeitet Breloer heraus. Es war nicht alles schlecht im Bette Brechts. Das Genie ist dekonstruiert, der Mann ist toxisch, aber das Leben lebt sich unter Einschluss beider fort. Der erotische “Menschenfresser” Brecht erregt heute größeren Anstoß als der zögerliche Mikropolitiker des modernen Theaters in der DDR. Jede Epoche bekommt genau den Brecht, den sie braucht.



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