Legendärer HSV-Kick gegen Werder: Gravgaard wird “Papierkugel” genannt – Bundesliga

Legendärer HSV-Kick gegen Werder: Gravgaard wird “Papierkugel” genannt – Bundesliga

  15 Apr 2019


Ostermontag vor zehn Jahren begannen die legendären Spiele zwischen dem HSV und Werder. In 19 Tagen machten die Bremer den Hamburgern in DFB-Pokal, Uefa-Cup und Liga alles kaputt. BILD sprach mit dem damaligen HSV-Verteidiger Michael Gravgaard (heute 41), dem damals eine Papierkugel zum Verhängnis wurde.

BILD: Herr Gravgaard, welche Erinnerungen haben Sie noch an die Duelle?

Gravgaard: „Als Fußballer guckst du dir immer deine Spiele an, um zu analysieren und dich zu verbessern. Ich erzähle Ihnen was: Bis heute habe ich mir keines dieser Spiele je angeschaut. Es ist zu hart für mich. “

BILD: Wollten Sie die Spiele einfach vergessen?

Gravgaard: „Das ging nicht. Jedes Spiel ist Minute für Minute in meinem Kopf abgespeichert. Die Partien habe ich mehr als hundert Mal durchgespielt. Ganz Hamburg hatte die Stimmung: Nach über 20 Jahren gewinnen wir was, jetzt ist unsere Zeit. Und dann kam der doppelte Knockout gegen Werder…“

BILD: Und das lag auch ein bisschen an einer Papierkugel…

Gravgaard: „Noch vor fünf Jahren hätten Sie mich dazu nicht befragen können. Ich hätte mich umgedreht und wäre gegangen. Kein Witz.“


7. Mai 2009: Der Ball verspringt auf der Papierkugel, es gibt Ecke, Werder trifft im Uefa-Cup zum entscheidenden 3:1Foto: picture-alliance/ dpa

BILD: Werden Sie denn immer noch häufig darauf angesprochen?

Gravgaard: „Ja. Ich war heute Vormittag mit Daniel Jensen beim Altherrenfußball und er kam auch damit an. Oder von Ex-HSV-Spieler Stig Töfting. Er nennt mich ‚Papierkugel’.“

BILD: Viele machen das Uefa-Cup-Aus an der Papierkugel-Szene fest. Zu einfach?

Gravgaard: „Es führte ja nicht zu einem Eigentor, sondern nur zu einer Ecke. Im Europapokal resultiert vielleicht aus jeder 15. Ecke ein Tor. Im Normalfall hätte kein Mensch mehr darüber geredet. Aber dann fiel eben ein Tor. Und wer hat es gemacht?“

BILD: Frank Baumann, heute Werders Manager…

Gravgaard: „Genau. Das Kuriose: Ich habe vor anderthalb Jahren mit ihm telefoniert, als ich noch Manager bei Erstligist Randers war. Wir wollten einen Spieler leihen. Und ich hatte die ganze Zeit in meinem Kopf: Du bist der Grund, dass meine Karriere in Hamburg nur an diesem einem Moment festgemacht wird. Ich wollte es ihm sagen, habe es dann aber doch gelassen. Es gibt da noch etwas Kurioses…“

BILD: Nämlich?

Gravgaard: „Bei jedem meiner Ex-Klubs hatte ich ein Tor gemacht. Das einzige, das ich für Hamburg erzielte, war im Rückspiel nach einer Ecke. Aber der Schiri pfiff es ab. Ich weiß nicht, wie oft ich gedacht habe: Hätte mein Tor gezählt, wäre eine andere Geschichte geschrieben worden.“

BILD: Welche Folgen hatten die Duelle für den HSV?

Gravgaard: „Ich habe gespürt, wie sehr sich die Stadt nach einem Titel sehnt. Und dann haben wir alles verloren. Das hat uns auch in der Liga einen Knacks gegeben. Hätten wir damals die Champions League geschafft, wonach es lange aussah: Wer weiß, wo der HSV heute stehen würde? Es war der Start für die Talfahrt der nächsten Jahre.“

BILD: Was war das Schlimmste an den Niederlagen?

Gravgaard: „Wenn es gegen Frankfurt und Leverkusen gewesen wäre: schlimm. Aber es war gegen Werder. Schlimmer hätte es nicht sein können. Als Fußballer lernst du: Sei hart, sei ein Kerl! Aber das war unglaublich schmerzhaft für viele von uns. In dem Moment gab es nichts Schlimmeres für mich. Das Gefühl war, dass wir die Menschen hängen gelassen haben.“

BILD: Nach Ihrer Karriere gab es noch eine viel größere Aufgabe zu meistern…

Gravgaard: „Ich erkrankte an Krebs. Eine schwierige Zeit. Wenn du dem Tod gegenüberstehst, lernst du, die Dinge einzuordnen. Dieses Duell darfst du nämlich wirklich nicht verlieren. Mittlerweile bin ich aber wieder gesund.“

BILD: Was machen Sie heute?

Gravgaard: „Ich habe meine Tätigkeit als Manager beendet. Ich wollte mehr Zeit für meine drei Jungs haben. Sportdirektor ist ein Job, der dich rund um die Uhr einnimmt. Dann habe ich gespürt, dass es mir wichtiger ist, für sie da zu sein.“

BILD: Wie eng ist noch Ihr Draht zum HSV?

Gravgaard: „Ich war ja schon als kleiner Junge immer wieder im Volkspark. Jetzt bin ich ein, zwei Mal im Jahr mit meiner Familie in Hamburg. Jedes Mal reden wir über diese Spiele. Jeder Fußballer hat ein Ereignis besonders tief in seinem Kopf: sein erstes Spiel, sein erstes Tor. Bei mir ist es dieser Monat mit den Spielen gegen Werder.“

BILD: Glauben Sie an den HSV-Aufstieg?

Gravgaard: „Ich denke, sie schaffen es. Der HSV ist ein großer Tanker, der die eingeschlagene Richtung halten muss. Er wurde teilweise gesteuert wie ein Speedboot. Das funktioniert dann nicht.“





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