Klimawandel hat die globale Ungleichheit verstärkt

Klimawandel hat die globale Ungleichheit verstärkt

  23 Apr 2019


Vielen ärmeren Ländern könnte es längst besser gehen, doch der Klimawandel hat ihre wirtschaftliche Entwicklung gebremst. Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern ist dadurch heute rund 25 Prozent größer als sie es ohne die globale Erwärmung wäre, wie Forscher ermittelt haben. Der Grund dafür: Kalte Gebiete wie Skandinavien haben eher von der Erwärmung profitiert, ohnehin schon heiße Länder aber wurden noch weiter vom Klimaoptimum weggetrieben, so die Wissenschaftler. Ihren Modellen nach hätten die ärmeren Länder ohne den Klimawandel seit 1960ern schon deutlich stärker zu den reichen Ländern aufgeschlossen.

Wenn es um das Klima geht, gibt es eine Art Idealbereich – die Temperaturen, bei denen Menschen und Kulturen am besten gedeihen. „Die historischen Daten zeigen ganz klar, dass die Ernten reichlicher sind, die Menschen gesünder und wir auch bei der Arbeit produktiver sind, wenn es weder zu kalt noch zu warm ist“, sagt Marshall Burke von der Stanford University. „Das bedeutet, dass in kalten Ländern schon ein wenig mehr Wärme hilfreich ist. An Orten, an denen es ohnehin schon heiß ist, ist das Gegenteil der Fall.“ Studien zufolge liegt das wirtschaftliche Klimaoptimum etwa bei einer Mitteltemperatur von 13 Grad. Dies ist unter anderem ein Grund, warum die meisten Industrieländer in den gemäßigten Breiten liegen.

Eindeutige Effekte

Die große Frage jedoch ist, inwieweit sich Klimaveränderungen wie die aktuelle globale Erwärmung auf die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern und Regionen auswirken. Um das herauszufinden, haben Burke und sein Kollege Noah Diffenbaugh Klimadaten und Wirtschaftsdaten in Form des Bruttoinlandsprodukts für 165 Länder aus der Zeit von 1961 bis 2010 ausgewertet. Diese Daten analysierten sie dann mit Hilfe von 20 verschiedenen Modellen und simulierten die Entwicklung dieser Länder in den letzten 50 Jahren einmal mit und einmal ohne die Effekte des Klimawandels in der jeweiligen Region. „Das ermöglicht es uns einzuschätzen, wie groß der Einfluss des anthropogenen Klimawandels auf die historische Wirtschaftsleistung ist“, so die Forscher.

Es zeigte sich: „Für die meisten Länder ist relativ klar ersichtlich, ob der Klimawandel ihnen geholfen oder sie behindert hat“, berichtet Diffenbaugh. „Die meisten armen Länder sind erheblich ärmer als sie ohne die globale Erwärmung wären, gleichzeitig ist die Mehrheit der reichen Länder reicher als ohne den Klimawandel.“ Profitiert haben demnach vor allem Länder in kälteren Klimazonen wie Norwegen: Ihr Klima ist näher an das wirtschaftliche Optimum herangerückt. „Im Gegensatz dazu hat die Erwärmung die Mitteltemperaturen warmer Länder wie Indien noch weiter vom Optimum entfernt – was in kumulativen Verlusten resultiert“, so die Wissenschaftler. Vor allem Länder der Tropen und Subtropen wären demnach heute höchstwahrscheinlich wohlhabender, wenn es den anthropogenen Klimawandel nicht gegeben hätte. Ihre wirtschaftliche Entwicklung wurde in den letzten 50 Jahren im Schnitt um 25 Prozent heruntergedrückt.

Auch die Reichen könnten fallen

„Unsere Studie erstellt die erste Bilanz darüber, wie stark jedes Land konkret durch die globale Erwärmung betroffen ist“, sagt Diffenbaugh. Gegenüber einer Entwicklung ohne Klimawandel haben stark beeinträchtigte Länder wie der Sudan 36 Prozent Wirtschaftskraft verloren, Indien um 31 Prozent und Indonesien um 27 Prozent. Auch Brasilien hätte ohne den Klimawandel heute eine um 25 Prozent höhere Wirtschaftsleistung, wie die Forscher ermittelten. Bei ihnen gibt es keinerlei Zweifel darüber, dass sie geschädigt wurden“, so Burke. Am stärksten profitiert haben Norwegen mit 34 Prozent Plus, Kanada mit 32 Prozent und Schweden mit 25 Prozent.

Weniger deutlich sind dagegen die Effekte der globalen Erwärmung auf die großen Wirtschaftsmächte der gemäßigten Breiten, wie die Wissenschaftler erklären. Bei ihnen liegt der Einfluss des Klimawandels meist unter zehn Prozent. „Einige der größten Volkswirtschaften sind nahe der perfekten Temperatur für die ökonomische Leistung. Die globale Erwärmung hat sie bisher nicht von diesem Gipfel heruntergestoßen und in vielen Fällen sogar eher noch hinauf“, erklärt Burke. „Aber ein stärkerer Klimawandel in der Zukunft könnte auch sie weiter und weiter vom Klimaoptimum entfernen.“

Quelle: Marshall Burke und Noah Diffenbaugh (Stanford University, USA), Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.1816020116





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